Entwicklung der Kreislaufwirtschaft in Belarus

11.03.2020

Veranstaltungen zur Entwicklung der Kreislaufwirtschaft in Belarus fanden am 27. und 28. Februar 2020 in Minsk und Brest statt.

Am 27. Februar 2020 fand in Minsk der Runde Tisch zum Thema "Entwicklung der Kreislaufwirtschaft in Belarus - Wege zur Verbesserung von Verpackungsansätzen" statt, an dem Dr. Henning Wilts, Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie, teilnahm. Eine weitere, eng mit diesem Thema verbundene Veranstaltung war der Workshop "Entwicklung der Kreislaufwirtschaft in der Region Brest – Erarbeitung eines regionalen Programms zur Kreislaufwirtschaft mit Schwerpunkt Verpackung", der am 28. Februar 2020 in Brest stattfand.

Die Veranstaltungen wurden vom Förderprogramm Belarus zusammen mit dem Wissenschafts- und Forschungsinstitut des Wirtschaftsministeriums im Rahmen des Projekts "Kapazitätsaufbau für die strategische Planung und das Management des regionalen Strukturwandels in Belarus im Kontext der Kreislaufwirtschaft" organisiert, das von der Regionalstiftung "Verwaltungsreform in der Östlichen Partnerschaft" der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert wird.

 

Stellvertretender Wirtschaftsminister der Republik Belarus Dmitrij Matussewitsch (Foto: Marina Serebrjakowa). Quelle: https://news.tut.by/society/651240.html

Bei der Eröffnung der Veranstaltung in Minsk stellte Dmitrij Matussewitsch, stellvertretender Wirtschaftsminister der Republik Belarus, fest, dass die Entwicklung der Kreislaufwirtschaft unter modernen Bedingungen für das Land besonders wichtig ist. In diesem Zusammenhang sollten nicht nur die theoretischen, sondern auch die praktischen Aspekte dieses Prozesses verstanden und berücksichtigt werden. Wirtschaftliche Rentabilität ist sowohl für die einzelnen Unternehmen als auch für die ganzen Regionen wichtig, ebenso wie reale Ergebnisse in Form einer geringeren Umweltbelastung.  Dmitrij Matussewitsch: "Von dem Moment an, in dem ein Produkt entworfen wird, ist es notwendig, den gesamten Lebenszyklus zu verstehen und zu wissen, wie dieses Produkt anschließend verarbeitet wird. Es ist notwendig, nach neuen Produktionsketten zu suchen, damit Abfälle aus einer Produktionsstätte zu Rohstoffen für andere Hersteller werden. Wir müssen das psychologische Paradigma von Managern ändern, Stereotypen durchbrechen und die Herangehensweise an den Produktionsprozess anpassen. Dies geschieht am besten durch die Förderung erfolgreicher Beispiele innerhalb und außerhalb des Landes".

Gennadij Germanowitsch, stellvertretender Direktor für Forschung am Wissenschafts- und Forschungsinstitut des Wirtschaftsministeriums der Republik Belarus, meint: "Die traditionelle Wirtschaft, die nach dem Schema Extraktion-Verwertung-Entsorgung (extract-use-dump) funktioniert, gehört der Vergangenheit an. Viele Länder haben schon ihre Strategien zur Entwicklung der Kreislaufwirtschaft erarbeitet. Die Welt befindet sich in einem radikalen Wandel der Abfallverwendung. Der Übergang zur Kreislaufwirtschaft erfordert neue Technologien, neue Energiequellen, neue Kompetenzen und vieles mehr. Das Ergebnis dieser Veränderungen könnte ein deutlicher Anstieg des BIP sein.

Gennadij Germanowitsch wies auch auf eine Reihe von Hemmnissen hin, wie z. B. ein unzureichendes technologisches Niveau, eine hohe Ressourcenintensität der Produktion, ein geringer Bekanntheitsgrad und stereotypes Denken. In dieser Hinsicht wären die auf die Entwicklung der Kreislaufwirtschaft ausgerichteten Prioritäten eine strategische Entscheidung für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung des Landes.

Astrid Sahm, Geschäftsführerin des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks in Dortmund

Astrid Sahm, Geschäftsführerin des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks in Dortmund, teilte mit, dass 2019 eine strategische SWOT-Analyse der aktuellen Situation in Belarus in Bezug auf den Übergang zur Kreislaufwirtschaft durchgeführt wurde. Als Ergebnis der Analyse wurden die strategischen Richtungen für die Entwicklung der Kreislaufwirtschaft hervorgehoben, von denen das Thema der ökologischen Verbesserung von Produktverpackungen am vielversprechendsten zu sein scheint.

Olga Ssasonowa, Leiterin der Hauptabteilung für Abfallwirtschaft, biologische und landschaftliche Vielfalt des Ministeriums für Naturressourcen und Umweltschutz, teilte mit, dass in Belarus jährlich rund 180 Tausend Tonnen Kunststoffabfälle anfallen. Der größte Teil davon sind PET-Flaschen. Das wichtigste Problem liegt in der Sammlung und Verwertung der Abfälle durch die Bevölkerung.  Die Verordnung des Ministerrats der Republik Belarus Nr. 7 vom 13. Januar 2020 "Über die  stufenweise Reduzierung der Verwendung von Kunststoffverpackungen" billigte den Aktionsplan zur allmählichen Verringerung der Verwendung von Kunststoffverpackungen und zu deren Ersatz durch umweltfreundliche Verpackungen. Dies zeigt, welche konkreten Schritte die Regierung unternimmt, um das Abfallproblem zu lösen. Darüber hinaus sollen in Kürze sektorale Pläne für den Übergang zu umweltfreundlichen Verpackungen verabschiedet werden. Die Entwicklung von Normen für die Herstellung von biologisch abbaubaren Verpackungen ist für 2020-2022 geplant. Gleichzeitig setzt die Herstellung solcher Verpackungen auch die Schaffung eines Systems für ihre Sammlung und Kompostierung voraus.

Dr. Henning Wilts, Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt Energie, wies darauf hin, dass Westeuropa noch weit von der Kreislaufwirtschaft entfernt ist. In Europa fallen jedes Jahr etwa 26 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle an, von denen nur 30 % recycelt werden. Trotz der Entwicklung umweltfreundlicher Technologien und Verfahren nimmt das Volumen der Kunststoffproduktion exponentiell zu. Jedes Jahr werden 80 Millionen Tonnen Kunststoffverpackungen hergestellt, die nur kurze Zeit verwendet werden und dann auf die Mülldeponie kommen. Nur 14 % der Abfälle werden für das Recycling gesammelt, und nur 2 % werden als Rohstoff in die Wirtschaft zurückgeführt. Das bedeutet, dass die Kreislaufwirtschaft noch ein weit entferntes Ziel ist. Da 86 % der Kunststoffabfälle nicht recycelt werden, gehen der Weltwirtschaft enorme Mengen an Geld verloren. Es ist wichtig, eine effiziente Wirtschaft zu schaffen, die diese wirtschaftlichen Prozesse lebensfähig macht. Gleichzeitig müssen nachhaltige Alternativen zu Plastik gefunden werden.

Dr. Henning Wilts, Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt Energie

Wissenschaftler sagen voraus, dass sich die Plastikmenge bei der derzeitigen Produktionsrate im Vergleich zu heute vervierfachen wird, d. h. es wird mehr Plastik auf der Welt geben als Fische. Andererseits lässt sich das Recycling von 1 Million Tonnen Kunststoff damit vergleichen, eine Million Autos von der Straße zu nehmen. Zugleich muss das Verpackungsproblem ganzheitlich betrachtet werden. Das bedeutet, dass aus ökologischer Sicht nicht nur die Plastiktüten an sich wichtig sind, sondern auch die Art und Weise, wie man zum Geschäft kommt und welche Produkte man dort kauft. Es ist wichtig zu verstehen, dass eine Glasflasche nur dann besser ist als eine Plastikflasche, wenn sie mindestens 25 Mal in den Produktionszyklus einbezogen wird, da die Umweltauswirkungen von Plastik sonst geringer sind.

Im Jahr 2018 hat die Europäische Kommission die "Europäische Strategie für Kunststoff in der Kreislaufwirtschaft" entwickelt.  Nach dieser Strategie sollen bis 2030 alle in Europa hergestellten Kunststoffverpackungen recycelbar oder wiederverwendbar sein.

Dem Experten zufolge gibt es derzeit Hindernisse entlang des gesamten Produktlebenszyklus. Recycelter Kunststoff ist billiger als neuer Kunststoff, aber die Unternehmen sind sich heute unsicher über die Qualität des recycelten Materials, die Verfügbarkeit großer Mengen, die Bedingungen für die Dokumentation solcher Produkte und vieles mehr. Die gesetzlichen Bestimmungen in verschiedenen Ländern unterstützen nicht immer die Verwendung von recycelten Rohstoffen. Auch wenn die Verwendung von recycelten Rohstoffen letztlich zu einer Steigerung des BIP führen kann, sind erhebliche Anfangsinvestitionen erforderlich.

Alexander Schuschkewitsch, leitender Forscher in der Abteilung für Naturmanagement und Entwicklung der „grünen“ Wirtschaft am Wissenschafts- und Forschungsinstitut des Wirtschaftsministeriums der Republik Belarus

Laut Alexander Sсhusсhkewitsch, leitender Forscher der Abteilung für Naturmanagement und Entwicklung der "grünen Wirtschaft" am Wissenschafts- und Forschungsinstitut des Wirtschaftsministeriums der Republik Belarus, gibt es in Belarus positive Beispiele für die Verwendung von Recyclingmaterialien. Zum Beispiel verwendet die Glasfabrik Grodno etwa zu 70 % recycelte Materialien. Im ganzen Land ist das Volumen der Altglassammlung in den letzten drei Jahren um 13 % gestiegen, aber der Anteil dieser Rohstoffe ist im Vergleich zu 2016 zurückgegangen. Ein weiteres positives Beispiel ist die Verwendung von Altpapier und Kartonagen. Bei der Herstellung von Papier- und Kartonverpackungen lag der Anteil der Sekundärrohstoffe im Jahr 2018 bei 87,5 % und die Sammlung dieser Sekundärrohstoffe stieg um 16 %.

Gleichzeitig, so Alexander Schuschkewitsch, muss man verstehen, dass die Abfallstatistik die komplizierteste Statistik der Welt ist. Es gibt zwei Arten solcher Statistiken: die Industrieabfallstatistik und die Siedlungsabfallstatistik. Positiv zu vermerken ist, dass die heute in Belarus verwendeten Klassifikatoren mit der europäischen CPA-Produktklassifizierungsnorm harmonisiert sind.

Jewgenij Lobanow, Leiter der gemeinnützigen Organisation „Zentrum für Ökologische Lösungen“

Jewgenij Lobanow, Leiter der gemeinnützigen Organisation „Zentrum für Ökologische Lösungen“ sagte, dass die Prioritäten aus Umweltsicht auf jeden Fall in erster Linie auf die Verringerung des Abfallaufkommens und nicht auf das Recycling gerichtet sein sollten. Die Prioritäten werden wie folgt gesetzt: Reduzierung der Abfallerzeugung - Recycling - Wiederverwendung. In diesem Zusammenhang ist es überraschend, dass Belarus keinen nationalen Aktionsplan zur Abfallvermeidung hat. Die Einstellungen und Praktiken jedes Einzelnen müssen sich ändern.

Jewgenij betrachtet das Problem der Verpackung im Zusammenhang mit den Praktiken des Einzelhandels. Ihm zufolge setzen viele bekannte internationale Einzelhändler interessante Instrumente ein, um den negativen ökologischen Fußabdruck ihrer Aktivitäten zu verringern. Insbesondere die Handelsketten Countdown und Woolworths  (Neuseeland) ersetzen kostenlos wiederverwendbare Taschen, die unbrauchbar geworden sind; die Handelsketten Kroger (USA), Lidl (Deutschland) und Carefour (Frankreich) haben beschlossen, bis 2025 vollständig auf kleine Einweg-Plastiktüten zu verzichten; Aldi Sud (Deutschland) verwendet wiederverwendbare Kisten für den Transport von Obst und Gemüse; die REWE Group (Deutschland) verwendet lasergravierte Obstpreise anstelle von Papieraufklebern; die Handelsketten Coop und Tesco  (Vereinigtes Königreich) ermutigen ihre Kunden, mit ihren eigenen Behältern und Tüten in die Geschäfte zu kommen – wenn der Kassenbon keine Einwegtüten enthält, erhalten die Kunden Punkte auf ihrer Kundenkarte. Die wichtigsten Trends sind daher die Verringerung der Verwendung von Einwegverpackungen und die umfassende Aufklärung von Kunden und Lieferanten.

Andrej Raschtschupkin, Erster Stellvertretender Generaldirektor des Einheitsunternehmens Coca-Cola Beverages Belarus

Andrej Raschtschupkin wies auf das bestehende Problem der Datenerhebung und der Offenheit von Informationen über die Verwendung von Mitteln hin, die von Unternehmen, die Kunststoffverpackungen verwenden, als Abgabe erhoben werden. Diese Abgabe hat sich in letzter Zeit vervierfacht, aber die Hersteller wissen nicht, wohin dieses Geld fließt. Eine erweiterte Herstellerverantwortung, die durch zusätzliche Zahlungen an den Staatshaushalt gestützt wird, sollte die Entwicklung neuer Recycling- und Entsorgungstechnologien anregen, was in Belarus jedoch nicht der Fall ist. Andrej Raschtschupkin zeigte sich nicht einverstanden mit der Tatsache, dass das von den Unternehmen, die Kunststoffverpackungen herstellen, eingenommene Geld nicht nur für die Sammlung und das Recycling von Kunststoffen ausgegeben wird, sondern auch für andere Zwecke, wie die Förderung des Pfandsystems, dessen Nutzen nicht offensichtlich ist. Der Mechanismus für die Zuteilung der Geldmittel durch den Recycling-Betreiber sei nicht transparent. Das Einheitsunternehmen Coca-Cola Beverages Belarus ist ein verantwortungsbewusstes Unternehmen und bemüht sich darum, dass 100 % der von ihm produzierten Kunststoffe gesammelt und ordnungsgemäß recycelt werden, aber es gibt in Belarus keine Statistiken, um dies zu bewerten.

Derzeit plant Belarus, ein Pfandsystem einzuführen, das einen Pfandwert für die Behälter vorsieht, den die Kunden zurückbekommen können, wenn sie die Flasche in einen Tara-Empfänger einwerfen. Es gibt jedoch keine öffentlich zugänglichen Belege für die wirtschaftliche und ökologische Effizienz eines solchen Systems in Belarus. Die Praxis zeigt, dass das Pfandsystem nicht alle Probleme lösen kann und dass es immer noch ein alternatives System geben wird. Die Folge dieser Maßnahmen könnte ein Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit belarussischer Waren auf den internationalen Märkten sein.

Seit 2018 ist Wasser in rPET-Verpackungen – also Verpackungen aus recyceltem Kunststoff – in Europa erhältlich. In Belarus gilt jedoch die Norm GOST 32686-2014, die eine Umstellung auf rPET nicht zulässt. Vielleicht wäre es besser, statt die Umweltabgabe zu erhöhen, die Voraussetzungen für Investitionen in die Entwicklung moderner Produktions- und Recyclingtechnologien zu schaffen?

Die Probleme der Kreislaufwirtschaft scheinen nicht einfach zu sein. Sie betreffen viele Menschen und Organisationen, und die vorgeschlagenen Lösungen müssen sorgfältig auf ihre wirtschaftliche Tragfähigkeit und - was noch wichtiger ist - auf ihre Umweltverträglichkeit geprüft werden.  Schließlich geht es nicht nur darum, welche mehr oder weniger ökologischen Güter die Bürgerinnen und Bürger verwenden, sondern auch darum, wo diese Güter produziert wurden und wie sie an den Verbraucher geliefert wurden. Eine in Asien hergestellte Ökotüte kann einen größeren ökologischen Fußabdruck haben als eine im Inland hergestellte Zellophantüte.  Die Kreislaufwirtschaft ist also eine umfassende Vision und eine Auswahl an Lösungen, die für jedes Land und für jeden Menschen einzigartig sind.

Workshop "Entwicklung der Kreislaufwirtschaft in der Region Brest – Erarbeitung eines regionalen Programms zur Kreislaufwirtschaft mit Schwerpunkt Verpackung", Brest, 28. Februar 2020.

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